Vertrauen und Verantwortung übergeben

Vor kurzem lief bei einer meiner Patientinnen der Fernseher. In diesem lief ein Bericht über eine Schule welche in einer Einbahnstraße ist mit Halteverbot. Jeden Tag staut sich diese Straße und der Grund dafür sind die Eltern welche ihre Kinder bis vor die Schultür mit dem Auto bringen. Leider ist dies nur eine von vielen Situationen die tägtäglich passieren und eine Sache ganze eindeutig zeigen….

Kinder bekommen kein Vertrauen und keine Verantwortunge mehr. Scheinbar sind heutzutage alle Eltern zu Helikoptereltern geworden. Darunter zu verstehen ist ganz einfach das die Eltern nach Möglichkeit immer und überall über die Kinder wachen wollen damit bloß nichts passiert. Oder eine andere Situation die mir vor kurzem erst erzählt wurde: Ein Junge (13 Jahre) kommt mit seinem Vater zum Verkauf beim Fußballspiel. Der Vater fragt was der Junge haben möchte. Der Junge antwortet seinem Vater er wolle gerne das Schinkenbrötxhen, der Vater solle ihm später aber die Fettschicht abmachen. Der Vater kauft die Stange, setzt sich mit seinem Sohn und macht die Fettschicht weg. Ihr fragt euch was daran unnormal sein soll? Warum kann der Junge seine Fettschicht nicht selbst wegmachen (er ist im übrigen nicht behindert oder sonstig beeinträchtigt!)?

Leben wir in einer Zeit in welchem die Kinder keine Verantwortung mehr übernehmen dürfen/sollen/können oder haben wir zu wenig Vertrauen zu unseren Kindern das solche Situationen passieren? Scheinbar ja.

Im letzten Jahr ist unser Joschua in die Schule gekommen und wir haben angefangen ihm Taschengeld zu geben. Bis heute finden wir diese Entscheidung genau richtig. Geld, außer es sind zu hohe Summen, welche er von Oma und Opa für Extraaufgaben, einfach so oder auch sonst Geld zum Geburtstag, Weihnachten und Co. bekommt darf er außerdem in seinem Geldbeutel behalten und ausgeben. Ok, etwas reden wir schon mit, denn es muss jetzt nicht in jedem Markt etwas gekauft werden weil er gerade Geld hat oder die Xte Packung Kaugummi oder Bonbons muss davon gekauft werden. Was wir in jedem Fall stark gemerkt haben ist das Joschua besser mit Geld umgehen kann als wir befürchtet hatten. So kommen 1, 2, 5, meist sogar noch die 10 und 20 Centstücke direkt in seine Sparbüchse, denn “nur große Münzen sollen in den Geldbeutel”. So spart er ganz nebenbei und das selbstständig, aber auch im Geldbeutel klappt das richtig klasse.

Kurz vor Weihnachten hatte er sich etwas Geld angespart und wollte sich etwas bestimmtes kaufen. Ich habe ihn gebeten zu warten bis die 20% Aktion beim Drogeriemarkt auf Spielwaren anläuft, da er so Geld sparen kann. Sein Ziel war ein ferngesteuertes Hook Auto welches 39,99€ kostet. Das ist jetzt nicht sehr wenig, sondern schon ein stolzer Preis. auf die Frage ob er sich wirklich sicher sei, lies er nicht von dem Gedanken ab und hat sich dieses dann wirklich an der Prozentaktion gekauft und es bis heute noch nicht bereut.

In Sachen Geld, haben wir ihm also bewusst Verantwortung gegeben mit etwas Mitspracherecht bei der Auswahl. Natürlich hat Joschua sich auch schon zig Male unwichtige dinge gekauft wie Kaugummi und Co. aber das ist ok, denn es ist SEIN Geld und das drückt er oftmals auch deutlich aus.

Nicht nur in der Sache mit dem Taschengeld hat sich zum Schulstart etwas geändert, auch auf eine andere Weise hat Joschua eine neue Verantwortung bekommen. Ich muss täglich bereits um kurz nach 7 Uhr aus dem Haus um auf die Arbeit zu fahren, Joschua soll um dreiviertel 8 Uhr in der Schule sein. Benjamin wird von Flo um kurz nach 8 Uhrin den Kindergarten gebracht.

Die Grundschule ist von uns nicht weit entfernt und sogar vor der Haustür zu sehen. Der Schulweg ist also mehr oder weniger ein Katzensprung. Schon vor dem Schulstart haben wir Schritt für Schritt mit Joschua den Weg zum Bäcker (fast der gleiche WEg wie zur Schule) “geübt”. Zuletzt ist Joschua den Weg 1-2 mal sogar komplett alleine gelaufen ohne das wir um die Ecke, gegenüber der Straße oder sonst wo gestanden waren. Wir waren uns also sicher, das mit dem Schulweg wird auch klappen.

Im Bild oben seht ihr den Schulweg von Joschua. Zu Fuß braucht er für diesen etwa 4 Minuten, denn es sind gerade mal 240m. Die Schwierigkeit an diesem ist jedoch nicht unbedingt der Weg, sondern die Gefahren unterwegs. Um zur Schule zu kommen, muss Joschua nämlich über die Hauptstraße laufen. In dieser sind auf Höhe der Schule zwar zwei Ampeln, von welcher die hintere mit einer Schulwegshelferin besetzt ist und der Bereich ist eine 30er Zone, jedoch stört das viele Autofahrer nicht und man muss trotzdem immer sehr gut aufpassen.

Der tägliche Weg führt Joschua immer über die erste Ampel (ohne Schulweghelferin). Ist er über diese drüber ist der Weg lächerlich. Am Anfang ist Flo mit ihm den Weg schrittweise gegangen. Also erst bis zum Klassenzimmer, bis vor die Schule, bis auf die anderen Straßenseite, bis zur Ampel, bis zur Hausecke und ab dann ist Joschua den Weg alleine gelaufen. Ausgerüstet ist dieser mit einer gelben Schulwegsweste welche dieser in der Schule bekommen hat. Mit dieser wird er, wenn es früh noch etwas dunkel ist, gut gesehen und ich habe ein bisschen weniger Sorgen.

Mittlerweile ist Joschua nun schon bald ein halbes Jahr in der Schule und wir haben gemerkt dass das mit dem Schulweg gut klappt. Wir haben deshalb vor wenigen Wochen ausprobiert ob der Weg auch zurück klappt und als Zusatz hat er sogar den Hausschlüssel mitbekommen. Nachdem dies gut geklappt hat und er auch mal eine halbe Stunde alleine zu Hause war, haben wir dies gestern gleich noch einmal ausprobiert. Ich hatte eine Jahresabschlussfeier welche um 12:30 Uhr beginnen sollte. Da man ja nie weiß wie lange so etwas geht und Joschua in der Mittagsbetreuung nur bis 14 Uhr geht, habe ich ihm auch gestern den Schlüssel mitgegeben damit er nach Hause gehen kann. Meine Feier dauerte nun etwas länger und so war ich erst um 15 Uhr zu Hause. Er war demnach eine Stunde alleine daheim. Zwischendurch habe ich einmal zu Hause angerufen (ich habe meine Handynummer extra unter Mama eingespeichert) ob alles ok ist und er hat mir sogar erzählt er hat gespült. Etwas überrascht aber sehr stolz bin ich später heim gekommen und habe mich sehr gefreut dass das so gut klappt.

Zukünftig habe ich in der Schule nun erlaubt das er alleine nach Hause laufen darf. Wenn ich vorher absehen kann das ich später heim komme werde ich ihm den Schlüssel mitgeben, ansonsten bin ich zu Hause. Ich finde es wichtig das ich ihm die Verantwortung und das Vertrauen gebe das er das kann. Denn obwohl er erst 7 JAhre alt ist, so ist er schon 7 Jahre alt. Früher war es normal den Kindern so früh die Verantwortung zu geben und die Kinder (auch ich) sind mit dem Schulbus zur Schule gefahren. Heute so scheint es mir, bin ich scheinbar unnormal weil ich meinem Kind vertraue und die Verantwortung übergebe.

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Für mich fühlte es sich auch komisch an, als ich sie mit Wechsel zur Realschule (nach der 4. Klasse) einen Schlüssel für zu Hause gab. Aber es klappt alles super. Man muss den Kids auch was zutrauen. LG Romy

Das klingt toll! Für uns ist der Schulweg leider noch einen Zacken zu weit, als dass sie alleine gehen würde. Sehr schade.

Unsere beiden Kinder mussten früher immer mit dem Schulbus fahren, aber zu zweit war es für sie kein Problem
Liebe Grüße Leane

Hallo Marie,
ja der Moment kommt 😉 und da ich auch von früh bis spät zu der Zeit arbeiten musste, wurde ich auch mit diesen Thema konfrontiert, aber hat auch sehr gut geklappt !

LG Katrin